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  • AutorenbildChristine Dicker

André Woll: Wir sind für das PFAS-Verbot bestens gerüstet

Aktualisiert: 7. Nov. 2023

- HINTERGRUND -

 

Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen – dafür steht die Abkürzung PFAS. Einige dieser Verbindungen aus der Klasse der PFAS Verbindungen gelten als gesundheitsschädlich, ihr Einsatz soll daher zukünftig in der EU beschränkt werden. In unserer Branche wurden (und werden) sie unter anderem bei der Beschichtung von Pfannen eingesetzt. Einer der Hersteller, der bereits bei einigen Serien auf PFAS-Beschichtung verzichtet, ist die Norbert Woll GmbH. André Woll, Geschäftsführer des Unternehmens, hat mir dazu einiges erzählt.


Eines vorweg: Im nachfolgenden Text wird neben dem Begriff PFAS auch die Abkürzung PTFE verwendet. Diese steht für Polytetrafluorethylen, das Woll für seine Beschichtungen verwendet. Der Begriff PFAS wird immer denn verwendet, wenn es um das Thema im Allgemeinen geht, PTFE hingegen dann, wenn wir über die Beschichtung der Woll-Produkte sprechen.


In der EU soll der Einsatz von PFAS voraussichtlich ab 2025/2026 beschränkt werden, wobei den Unternehmen dann eine Übergangsfrist von eineinhalb Jahren zugestanden werden soll. Stand heute. André Woll hat mit seinem Unternehmen aber schon vorgelegt und bereits auf der Ambiente 2023 die ersten Pfannen ohne PFAS vorgestellt. QXR heißt die neue Beschichtung, die auf den beiden Serie Eco Lite und Eco Logic kommt. „Da war die Industrie teilweise schneller als die ganzen unabhängigen Testinstitute und TÜV Rheinland,“ stellt der Geschäftsführer des Saarbrückener Unternehmens fest. Und erklärt auch gleich, warum dieses Thema so diffizil ist: „Unter PFAS fallen mehr als 10.000 Polymere und eines davon ist das von uns verwendete PTFE, welches allerdings als Polymer nicht als gesundheitsschädlich eingestuft wird. Einige dieser Verbindungen, wie z.B. das PFOA (das wurde bereits Anfang der 2000er-Jahre verboten), das unter anderem zur Herstellung des PTFE verwendet wurde, sind nicht mehr erlaubt. Das hat dazu geführt, dass die Industrie andere PFAS Verbindungen eingesetzt hat, die im Nachhinein betrachtet auch nicht ganz unbedenklich waren. Um den Kreislauf zu unterbrechen, hat man sich nun dazu entschieden, alle Verbindungen zu verbieten, die unter den Oberbegriff PFAS fallen.“ Da auch das gesundheitlich unbedenkliche PTFE, welches bei Kochgeschirr verwendet wird, in die PFAS Kategorie fällt, ist hier auch eine Beschränkung zu erwarten.

Verwendet wird PFAS und PTFE übrigens nicht nur in Kochgeschirren, es ist auch in Teppichen, Gardinen, Sportbekleidung, Feuerlöschschäumen, Medizinaltechnik, erneuerbare Energien und vielem mehr enthalten. Überall dort eben, wo eine Art Gleitschicht, eine Antihaftschicht benötigt wird, um etwas wasser- und/oder fettabweisend zu machen. So zum Beispiel auch die atmungsaktiven Textilien, bei denen Schweiß in Tröpfchenform durch eine Textilfaser rausgehen soll , aber zum Beispiel ein Regentropfen nicht durch die Faser eindringen kann. Das Thema PFAS reicht also in weite Bereiche unseres Lebens hinein. „Die Firma Woll ist eine der Marken, die die Beschränkung befürwortet und auch diese Challenge gerne annimmt. Durch diese Veränderung können wir uns als Marke schärfer positionieren, wenn wir das richtig machen und mit begleiten,“ erklärt André Woll seine Strategie. „2018 haben wir uns entschieden, dass wir auf der Ambiente 2022, die ja dann ausgefallen ist, eine oder auch zwei Serien ohne PFAS zu launchen.“ Diese Premiere fand dann auf der Ambiente 2023 statt.


Sind nicht vier Jahre sehr schnell, um eine komplett neue Beschichtung zu entwickeln, will ich von Andrè Woll wissen. „Wir kriegen das hin, wir sind ein familiengeführtes Unternehmen, unsere Produktion liegt im Saarland. Wir haben zudem einen sehr guten Partner in der Schweiz, mit dem wir die Oberflächen, die Lacksysteme entwickeln, und maßgeschneidert auf unsere Anlage, die zu einer der modernsten Beschichtungsanlagen Europas gehört, bringen,“ erklärt der Geschäftsführer.

Was diese neue Beschichtung ausmacht, wie sie funktioniert, das erklärt mir André Woll anhand eines kleinen Exkurses: „ Die neue Beschichtung, die bei uns QXR heißt, und die ja genaugenommen ein Lack ist, haben wir anders als unsere Marktbegleiter interpretiert. Wir sind ja immer sehr stark auf harte abriebfeste, raue Oberflächen gegangen, damit man in der Pfanne auch Röstaromen beim Braten erreicht. Und dieses Merkmal zeigen auch die neuen PFAS-freien Serien. Bei denen gibt es nicht eine spiegelglatte Fläche, wie bei den Marktbegleitern, auf der das Bratgut aufliegt. Ein weiteres Merkmal unserer Produkte ist der dunkle Look mit Sparkle-Effekt.“ André Woll und seinem Team war wichtig, den Look, den man mit Woll verbindet, auch bei den neuen PTFE-freien Serien zu garantieren. „Weil wir ganz klar in der Transformationsphase sind und nicht dauerhaft zweigleisig fahren möchten. Die neue Beschichtung soll nicht wesentlich anders aussehen als die mit PTFE beschichteten Serien.“


In der Praxis sieht das so aus, dass das Unternehmen Produkte mit der neuen QXR (Quarzit Extra Rough) Beschichtung launcht und weiterhin noch die mit PTFE-beschichteten Pfannen: „Parallel launchen wir jetzt Serien, die sich vom Look and Feel kaum unterscheiden. Das ist uns auch sehr wichtig ist, denn irgendwann nehmen wir die PTFE Pfannen aus dem Sortiment und der Kunde soll nach wie vor das altgewohnte Erscheinungsbild unserer Pfannen haben. Nicht eine hellgraue oder eine weiße. Er soll nach wie vor seine Woll-Pfanne sehen.“

Andrè Woll ist das Erscheinungsbild auch noch aus einem anderen Grund wichtig: „Die keramischen Pfannen, die es bislang auf dem Markt gibt, wurden unsere Meinung nach falsch vermarktet. Es wurden zu viele Versprechungen gemacht, die in der Praxis nicht gehalten werden konnten.“ Auch deshalb wolle man sich abheben. Auch hier noch einmal ein Exkurs, wie der Antihafteffekt ohne PTFE-Beschichtung funktioniert: In die Glasur, die aufgetragen wird, muss ein Stoff eingeschleust werden, der für den Antihafteffekt sorgt. Dieser Stoff ist ein Silikon-Öl, noch vor 15 Jahren hat man in eine keramische Schicht nur begrenzt Silikon eingebettet bekommen. In der Industrie sagt man, in die Matrix eingebunden. Beim Einbrennprozess ist dann das Silikonöl – ähnlich wie man es vom Fettfilm bei der Suppe kennt – nach oben geschwommen. Darum haben sich diese keramischen Pfannen immer ein bisschen schmierig angefühlt, man hat auf ihnen die Fingerabdrücke gesehen.


André Woll fasst zusammen: „Das Kennzeichen der keramischen Beschichtung war eine sehr glatte Oberfläche, die diesen Fettfilm oben drauf hatte. Ist man bei diesen Pfannen mal kurz über 300 Grad Celsius gekommen, dann war der Antihafteffekt deutlich reduziert.“ Das habe in der Entwicklungsphase der neuen Beschichtung am längsten gedauert: Eine Antwort darauf zu finden, wie man eine größere Menge Silikonöl in die Matrix eingebettet bekommt. „Die Herausforderung war es, das Silikon so einzubringen, dass es die ganze Schicht durchdringt, und nicht nur an der Oberfläche bleibt. Das ist uns gelungen, wir haben eine wesentlich höhere Menge an Silikonöl in der Matrix und erreichen dadurch einen sehr guten Antihafteffekt.“


Laut André Woll musste dafür die Produktion angepasst werden, wurden viele, viele Tests durchgeführt – in dieser Phase habe man eng mit seinem Schweizer Partner zusammengearbeitet. Und natürlich sind neben dem Silikonöl auch noch Partikel in die Beschichtung eingearbeitet, die die für Woll typische raue Oberfläche ergeben.

Die neue Beschichtung bei Woll heißt also QXR, diese Glasur (genaugenommen eine Sol-Gel-Beschichtung) ist anorganisch, reichert sich also in der Natur nicht an – im Gegensatz zum organischen PTFE. „Wir werden in den nächsten Jahren auch noch smoothere, glatte Oberflächen bringen, aber am Anfang wollten wir polarisieren, dass sie einen andere Look haben, als das, was wir von keramischen Pfannen kennen. Unser Slogan ist: Anders machen, besser machen.“ Das ist dem Unternehmen gelungen. Die Einkäufer und Großhändler, die auf der Ambiente 2023 die neuen QXR-Serien gesehen haben, haben laut André Woll teilweise den Unterschied nicht bemerkt . „Das war für uns wichtig, wir haben uns gesagt, ok, damit haben wir schon einmal die erste Hürde geschafft.“


„Ist diese neue von Ihnen entwickelte Beschichtung ebenso gut wie die mit PFAS? Oder muss ich Abstriche machen?“, frage ich André Woll. Der antwortet mit einem ehrlichen Jein: „Am Anfang merkt man keinen Unterschied. Ich sage aber auch ganz klar, der Kunde muss an die Hand genommen werden. Er muss verstehen, was anders ist. So zum Beispiel, dass er bei einer Pfanne aus unserer QXR-Serie eine Überhitzung vermeiden muss, weil sonst die Antihafteigenschaften nachlassen. Ab 250 Grad Celsius verbrennt man sowieso Speisen, das ist nicht gesund. Am besten wäre es, wenn man in Pfannen ein Thermostat einbauen würde, dann hätte der Verbraucher eine Orientierung.“ Übrigens, so räumt André Woll ein, sollte man auch mit PTFE beschichtete Pfannen nur bis 260 Grad Celsius erhitzen, bei höheren Temperaturen zersetzt sich auch hier die Beschichtung – aber der Verbraucher sieht das nicht. Aber zurück zu den QXR-Pfannen: Wenn diese dauerhaft und mehrfach über 300 Grad erhitzt werden, verliert die Beschichtung nach und nach die Antihafteigenschaften.


„Also ist es an uns, den Kunden aufzuklären, wie er mit der QXR-Pfanne arbeiten muss, damit er lange Freude am Produkt hat. Wer alles richtig macht, der hat eine Pfanne, die dann gleichwertig oder besser ist als eine mit PTFE beschichtete, weil mit ihr vor allem auch bessere Röstaromen möglich sind,“ so André Woll. Und was tut Woll, damit das auch gelingt? „Wir geben Tipps über Mailings, über einen Newsletter, stellen sicher, dass der After-Sales-Service klappt. Und natürlich schulen wir auch unsere Händler.“


Aktuell gibt es bei Woll zwei Serien mit dieser neuen QXR-Beschichtung, die Eco Lite und die Eco Logic. „Wir bieten das Beste aus zwei Welten – im PTFE-Bereich spielen wir sehr weit vorne mit. Da bieten wir gerade unseren Kunden in den asiatischen Märkten oder in Ozenaien gute Lösungen, mit denen diese sehr zufrieden sind. Vor allem sind das Märkten, bei denen das Verbot von PFAS noch gar keine Rolle spielt. Die Erfahrung, die wir gerade jetzt in Europa sammeln, die geben wir dann weiter, wenn es so weit ist.“


Wie sieht denn der Zeitplan aus, frage ich André Woll. „Wir haben Stand heute in Europa im dritten Quartal 2025 force of restriction, dann bleiben uns noch eineinhalb Jahre Zeit, die Läger abzuverkaufen. Ab 2027 soll dann PFAS mit all seinen Untergruppen, zu denen auch unser PTFE gehört, verboten sein“, fasst André Woll zusammen. Räumt aber auch ein, dass sich das Verbot noch bis 2030 verzögern könne. „Darum fahren wir noch zweigleisig. In diesem Jahr haben wir zwei PTFE-freie Serien und fünf mit PTFE-Beschichtung, 2025 dreht sich das, dann werden es fünf ohne PTFE und zwei mit sein. Das betrifft dann auch die Exportmärkte. Ab 2027 können wir hier in Europa komplett PTFE frei sein.“


Woll ist also bestens aufgestellt, was diesen Change-Prozess betrifft. Und wie präsent ist das Thema schon beim Verbraucher, will ich wissen. „Der Verbraucher ist immer dann sensibel, wenn ein Bericht über PFAS in den Medien kam, dann gerät das Thema wieder in Vergessenheit. Außerdem herrscht immer Verwirrung bezüglich der verschiedenen Untergruppen von PFAS,“ so André Woll. Bei den Einkäufern hingegen sei das Thema angekommen, vor allem je größer der Kunde und je strukturierter er sei. Viele hätten bereits entschieden, ab 2024 nur noch PTFE-freie Serie einzukaufen. Vor allem die Nachfrage aus den skandinavischen Ländern und den Niederlanden sei sehr gut: „Die waren hellauf begeistert und haben direkt Aufträge geschrieben. Schweden hat zu 100 % geswitcht, Norwegen zu 50 %, Niederlande zu 70 %. Bei unseren zwei PTFE-freien-Serien grenzen wir auch die „Neue“ ganz stark durch die Namen ab, machen das Thema Nachhaltigkeit sehr deutlich.“ Aber die Länder rund ums Mittelmeer, die seien laut André Woll noch viel zurückhaltender. „Es hängt halt auch davon, wie alt der Einkäufer ist, ist er jünger, dann hat er meist Lust darauf, nachhaltige Serien zu listen. Da steckt ganz viel Emotion drin.“


Eben ist das Stichwort Nachhaltigkeit gefallen, da tut ja Woll noch ein wenig mehr, als „nur“ die Beschichtung zu ändern. So lassen sich zum Beispiel bei der Pfannen-Serie Eco Logic Stiel- und Pfannenkörper komplett trennen, auch die Verpackung ist reduziert. André Woll stellt noch weitere Aspekte heraus: „Wir produzieren ja schon einmal in Deutschland, das ist für uns eine gewisse Nachhaltigkeit, die selbstverständlich ist. Wir haben kurze Wege zu unseren Vorlieferanten, unser Beschichtungsunternehmen wurde 2005 unter stärksten Auflagen gegründet. In unserer Serie Eco Lite arbeiten wir mit 100 % recyceltem Alu, das sind gezogenen Teile, da kann man mit 100 % Recyclingmaterial arbeiten, bei den gegossenen Pfannen verwenden wir 90 % recyceltes Alu – mehr geht nicht, da wir noch Silizium untermischen, damit die Pfanne sehr hart wird..“ Auf der Ambiente wurde zudem die Serie Eco Lite mit einem soliden Holzgriff vorgestellt Das Holz für den Griff kommt aus Norditalien, also auch hier sind die Wege kurz. Bei der Eco Lite und Eco Logic verwendet Woll Verpackungen aus recycelten Materialien, das Unternehmen arbeite zudem daran, sich von Poly Bags zu verabschieden.


Was noch auf der Ambiente aufgefallen ist: Die Pfannen lassen sich komplett in ihre verschiedenen Materialkomponenten zerlegen, das ist ja auch wichtig für den Recyclingprozess. Neu seien die abnehmbaren Stiele aber nicht, so André Woll: „Mein Vater hat die bereits 1979 bei Woll eingeführt. So konnte man die Pfanne auch in den Backofen stellen.“ Ein Thema ist dem Geschäftsführer noch ganz wichtig: „Wir arbeiten daran, wie wir dem Kunden einen Wiederbeschichtungsservice anbieten können – dazu kann ich auf der Ambiente 2024 mehr sagen. Das ist eine große Story, dass der Kunde die Pfanne zu uns schickt, damit sie neu beschichtet wird. Das sind Themen, die kann man nur spielen, wenn man in Deutschland produziert.“ Denn es sei schade, den Grundkörper aus Alu einzuschmelzen. „Wir reinigen die Pfannen thermisch und so ist es möglich, sie drei bis viermal wieder zu beschichten. Das ist nachhaltig,“ betont André Woll.

Woll hat also vieles in der Pipeline: Peu a peu das komplette Sortiment auf eine PTFE-freie Beschichtung umzustellen. Parallel dazu soll in den kommenden fünf Jahren das Design überarbeitet und jünger werden – gerade bei den Serien, die ein wenig in die Jahre gekommen waren. Alle Produkte und Serien, die übrigens neu entwickelt werden, sind zudem ab sofort PTFE-frei, wie zum Beispiel auch die neue Backformenserie, die auf der Ambiente vorgestellt wurde.


Woll sieht sich für diesen Change-Prozess gut aufgestellt: „Wir sind ein Familienunternehmen, wir können schnell entscheiden und sind von keinem Investor abhängig. Wirtschaftlich geht uns zudem gut. Wir hatten eine extrem gute Zeit in der Pandemie, jetzt sind wir wieder auf dem Niveau von 2019, damit bin ich nicht unzufrieden.“ Sorgen macht André Woll aber, dass die Planungssicherheit fehle. Die Lager der Kunden seien oft noch voll, Aufträge müssten zudem sehr schnell ausgeliefert werden – das erwarte der Kunde heute einfach. Das sei zwar bei Woll weniger das Problem, weil man in Deutschland produziere, aber „...wir müssen dafür auch die personellen Kapazitäten haben.“ Auch wenn man mit den Umsätzen zufrieden, wieder auf dem Niveau von 2019 sei, so seien die Kosten heute ganz andere. Aber bei einem Thema hat Woll eben die Nase ganz weit vorn: Für das Verbot von PFAS ist das Unternehmen bestens gerüstet.


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