• Christine Dicker

Homöopathischer Auftragseingang

- HINTERGRUND -

tischgespraech.de: Herr Adler, auf der Ambiente haben wir uns noch unterhalten, inwieweit das in China grassierende Corona-Virus die Belieferung mit Waren beeinflussen wird. Jetzt stellt sich die Frage völlig anders: Wie gehen wir mit der ausbleibenden Nachfrage um? Das ist ja sicher ein Thema im Europäischer Verband Lifestyle (EVL) , dessen Vorstandsvorsitzender Sie sind. Und natürlich tangiert es auch Sie als geschäftsführenden Gesellschafter von Hoff Interieur. Wie ist der Tenor im EVL?

Lars Adler: Ja, auf der Ambiente befanden wir uns noch in einer anderen Welt. Wirklich relativ kleine Probleme im Gegensatz zu der Situation nun sechs Wochen später. Ein temporärer Covid-19-bedingter Nachfrage Einbruch wäre zu verkraften gewesen. Was wir nun erleben, ist aber eine Katastrophe von nicht gekannter Dimension.


Fast all unsere Kunden in ganz Europa mussten ihre Geschäfte schließen, Tendenz steigend. Der Auftragseingang tendiert momentan gegen null, die Liquidität unserer Kunden logischerweise ebenfalls, was wir lediglich durch großzügige Valuten ein wenig abfedern können.Im EVL haben wir sehr schnell ein virtuelles schwarzes Brett eingerichtet, auf dem sich die Mitglieder zu den brennenden Themen (Liquidität, Kurzarbeit, staatliche Förderung etc.) austauschen können. Es wird auch sehr rege genutzt mit über 2.500 Zugriffen in den ersten fünf Tagen.„Umgehen“ kann man mit so einer Situation als Unternehmer eigentlich gar nicht, man kann nur das Unternehmen in eine Art Anästhesie versetzen, um Ressourcen und Kosten zu sparen, die man bei einem Wiederanlauf dann hoffentlich dringend braucht.

tischgespraech.de: Die Auftragslage auf der Ambiente war laut Aussage zahlreicher Unternehmen gar nicht so schlecht. Nachdem seit dem 18.3. alle Geschäfte unserer Branche – es sei denn, sie bieten Lebensmittel an – geschlossen haben, werden bereits die ersten Aufträge storniert?

Lars Adler: Wenn man die Sondereffekte „Sabine“ und „Corona“ und den damit verbundenen Besucherrückgang herausrechnet, war es eine solide Ambiente und der Abschluss einer wirklich guten Messesaison.

Die meisten Aufträge haben wir und auch unsere Kollegen bereits bis Anfang März ausgeliefert. Was die Terminaufträge für Herbst/Winter angeht, sind die Kunden eigentlich recht vernünftig, da wir alle davon ausgehen, dass sich die Situation bis dahin wieder beruhigt hat.


tischgespraech.de: Noch einmal eine Frage zum Thema Storno. Eine Order ist ein Vertrag, der nicht so einfach wieder gekündigt werden kann. Suchen Sie nach einvernehmlichen Lösungen mit Ihren Kunden und wie gehen Ihre Kollegen im EVL mit der Situation um?

Lars Adler: Natürlich gibt es vereinzelt auch Stornierungen. Wir besprechen das dann ganz offen mit den Kunden und bieten Terminverschiebungen, Valuten und Modifizierung der Aufträge an. Mit unseren Kunden arbeiten wir seit vielen Jahren partnerschaftlich zusammen, da findet sich eigentlich immer eine Lösung. Was hier überhaupt nicht hilft, sind irgendwelche Generalverfügungen von Einkaufsverbänden, die hektisch und unabgestimmt an die Industrie verteilt wurden.


tischgespraech.de: Wer jetzt Online verkauft, der hat wenigstens noch eine Option. Und beim Thema Online fällt uns allen sofort das Stichwort Nextrade ein. Glauben Sie, dass die aktuelle Situation sowohl dem Online-Handel wie auch Online-Orderplattformen noch einmal Auftrieb gibt?

Lars Adler: Richtig, der wirklich homöopathische Auftragseingang kommt derzeit hauptsächlich von B2C-Online-Plattformen, aber auch gedämpft verglichen mit den Vorjahreszahlen. Wenn der Verbraucher Angst um seinen Arbeitsplatz hat, wird er auch Online nicht so lustvoll kaufen.Nextrade ist eine noch recht junge B2B-Plattform und wir haben schon einige vielversprechende Benutzerregistrierungen für unser Sortiment verzeichnen können. Voraussetzung dafür, dass es richtig losgeht, ist aber auch , dass die Geschäfte wieder öffnen und der Konsum stattfindet. Nur dann werden die Händler auch via Nextrade einkaufen.


tischgespraech.de: Aktuell wissen wir nicht, wie lange die Einschränkungen gelten werden. Eines ist aber sicher: Das Coronavirus wird uns noch lange begleiten. Welche Auswirkungen wird das Ihrer Meinung auf die Ordermessen haben?

Lars Adler: Es gibt aus meiner Sicht wenig Alternativen zu Messen als Ort des Handelns, Kommunizierens und Orderns. Niemand weiß derzeit, ab wann die Messesaison wieder beginnen kann. Jede Veranstaltung, die nicht stattfindet, ist schmerzhaft für Aussteller, Besucher und auch die Veranstalter. Vielleicht haben wir die Infektionszahlen bis zum Sommer soweit im Griff, dass es Juli/August wieder losgehen kann. Auch wären weitere Terminverschiebungen nach hinten vorstellbar – lieber eine verspätete Messe als keine Messe.


tischgespraech.de: Die Bundesregierung hat relativ schnell Hilfspakete entwickelt um der Wirtschaft zu helfen – wird das helfen ?

Lars Adler: Wir als EVL hatten bereits Anfang März einen Brief an den Bundeswirtschaftsminister geschrieben und auf die Notwendigkeit staatlicher Hilfsprogramme hingewiesen. Die vereinfachte Kurzarbeitsregelung sowie KFW-Kredite in zunächst beeindruckenden Dimensionen wurden auch freigegeben. Von Verbandskollegen weiß ich aber, dass die Arbeitsämter durch die hohe Anzahl an Kurzarbeitsanträgen überlastet, und auch die Hausbanken mit den KFW-Krediten teilweise überfordert sind. Hier muss nun schnell und unbürokratisch gehandelt werden, damit an sich gesunde Unternehmen nicht in die Knie gezwungen werden. Es ist schmerzhaft genug für inhabergeführte Mittelständler, die es durch jahrelangen Fleiß geschafft haben, ohne Kredite zu wirtschaften, nun unverschuldet in diese Lage zu geraten und auf Kredit angewiesen zu sein.


tischgespraech.de: Und noch eine letzte Frage: Wie schützen Sie Ihre Mitarbeiter und sich in dieser Situation? Wie gewährleisten Sie, dass es dennoch weitergeht?

Lars Adler: Wir haben einen Notbetrieb implementiert. Die Mitarbeiter einzelner Abteilungen kommen abwechselnd gestaffelt zur Arbeit. Mütter mit betreuungspflichtigen Kindern arbeiten teilweise im Home-Office. Einige Prozesse, wie Dekoration und Gestaltung für unsere neuen Kataloge oder auch das Annehmen der Container, welche täglich ankommen, lassen sich nicht ins Home-Office auslagern. Alle wissen über die Hygiene Regeln Bescheid und korrigieren sich gegenseitig, damit es zu keinem Infektionsfall kommt.

tischgespraech.de: Herr Adler, danke für dieses Gespräch.

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