• Hartmut Kamphausen

Hätte, hätte – Lieferkette

- HINTERGRUND -

 

Widerstandsfähigkeit benötigen Individuen ebenso wie Unternehmen, um immer wieder auftauchende schwierige Situationen zu meistern. Dabei verschieben sich immer wieder die Bereiche, in denen besondere, wie es inzwischen heißt, Resilienz gefordert ist. Für Lieferanten wie Handel ist diese Energieleistung gerade vor allem in der Warenbeschaffung und Aufrechterhaltung der Lieferketten gefragt.

Die Lieferketten sind ... volatil. Von der Rohstoffversorgung über die Produktionen bis zur Logistik gibt es derzeit viele Unwägbarkeiten für die Sicherstellung der Lieferfähigkeit. Foto: Pixabay

„Akute Lieferprobleme bestimmen das diesjährige Weihnachtsgeschäft. Wie das Ifo-Institut in München ermittelt hat, waren schon im September 2021 nahezu alle Fahrradhändler, 97% der Geschäfte für Unterhaltungselektronik, 82% der Läden für Haushaltsgeräte sowie 78% der Lieferanten von Computer und Zubehör davon betroffen. Engpässe gibt es weiterhin bei Fahrrädern ebenso wie bei Fernsehern und Haushaltsgeräten, Notebooks und Smartphones. Auch bei Kleidern fehlen Lieferungen. Und selbst bei Büchern, weil das Papier für die Buchproduktion derzeit knapp ist“, schreibt Professor Dr. Gerrit Heinemann, Hochschullehrer und Leiter des eWeb Research Centers an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach, in einem Gastbeitrag für etailment.de.


Aus dieser Verknappung erfolgt, Gesetz des Marktes, eine Verteuerung der Produkte, die aber nicht allein die Waren aus Asien betrifft, weil die Logistik volatiler und teurer geworden ist. Auch die Produkte aus beispielsweise europäischer Produktion unterliegen dem Preisdruck, denn was hier knapp ist, sind die Ausgangsstoffe – vom Stahl bis zum Holz –, aus denen sie hergestellt werden. Für das Fahrt aufnehmende Weihnachtsgeschäft bedeutet dies: Preisdruck plus Verfügbarkeit sind die Themen.


„Es wird ein Weihnachtsfest der Verfügbarkeit“, bringt es Klaus Schmelzeisen, Geschäftsführer der Brandlands GmbH und verantwortlich für den Vertrieb der Marken Zyliss und Cole & Mason in Deutschland und Österreich auf den Punkt. „Die Situation zeigt sich deshalb anders als vorherige Situationen, dass es nicht allein einen Faktor gibt, der die Warenverfügbarkeit schwieriger macht. Das Spektrum der Baustellen reicht von Rohstoffengpässen über fehlende Container und mangelnden Frachtraum bis hin zu unzureichenden Kapazitäten, die Fracht am Ankunftshafen zu löschen. Das führt in der Spitze zu einer Verdopplung der Lieferzeiten für Waren aus Asien und gleichzeitig zu einer deutlichen Erhöhung der Preise.“ Entspannend in dieser Situation ist für den Brandlands-Geschäftsführer, dass „dem Handel die Problematik bekannt ist und er dadurch flexibler reagiert, wenn sich Lieferungen verzögern.“ Im Hinblick auf das Weihnachtsgeschäft sei jetzt eine gemeinsame, in enger Abstimmung durchgeführte Sortimentsplanung mit einer Priorisierung der Verfügbarkeit sinnvoll.


Verfügbarkeits-Filter im B2B-Shop


Verfügbarkeit hat auch bei der Wurm GmbH + Co. KG aus Köln einen besonderen Stellenwert: „Natürlich sind auch wir von Verzögerungen betroffen. Die Situation in den Produktionsstätten, die Zuliefermärkte und die Frachtzeiten sind für die gesamte Branche ein schwerwiegender Einschnitt“, sagt Geschäftsführer Philip Wurm, „bei unseren Kunden treffen wir hauptsächlich auf Verständnis. Dennoch haben wir durch frühzeitige Disposition viele Artikel am Lager. Um unseren Kunden den Bestellvorgang zu erleichtern, haben wir im Online Shop einen Filter eingebaut: „Sofort verfügbar“ – wird dieser Filter ausgewählt, werden nur Artikel angezeigt, die sofort lieferbar sind.“


„Die durch die Corona Pandemie entstandenen Lieferengpässe haben auch wir bei Rösle zu spüren bekommen“, sagt Rösle Geschäftsführer Henning Klempp. „Trotzdem konnten wir vor allem während der BBQ-Saison unsere Kunden gut beliefern. Auch jetzt zum Winter hin sind wir weiterhin optimistisch, den Handel ausreichend mit Rösle Produkten ausstatten zu können. Es ist aber nicht auszuschließen, dass Produkte zeitweise nicht verfügbar sein können.“


Preisanpassungen unvermeidlich


Auch die Preisentwicklung ist für das Familienunternehmen aus dem Allgäu relevant: „Unsere Produkte zeichnen sich vor allem durch ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis aus. Das wollen wir auch in Zukunft so beibehalten“, so Klempp weiter, „trotzdem sind die Kosten für Logistik und Materialien in den vergangenen 1,5 Jahren extrem angestiegen. Somit kommen auch wir bei Rösle nicht darum herum, Kosten weiterzugeben. Wir hoffen jedoch sehr, dass sich die Raten für Transport und Rohstoffe in den kommenden Monaten wieder regulieren. Parallel wird aber auch an Alternativen gearbeitet – z.B. optimierten Verpackungen oder recycelten Materialien beim Kochgeschirr.“

Preissteigerungen in verschiedensten Bereichen, nicht allein beim Ausgangsmaterial für die eigentlichen Produkte und nicht zuletzt bei der Energie, sind auch bei Villeroy & Boch Thema. „Auch wir als Industrieunternehmen sind seit Monaten mit steigenden Energiekosten und Aufwänden für Transport und Logistik konfrontiert. Zudem sind die Rohstoffpreise und die Preise für Verpackungsmaterialien in den letzten Monaten sprunghaft gestiegen,“ heißt es aus dem Hause Villeroy & Boch. „Wir haben unter anderem unsere Prozesse weiter optimiert, um einen großen Teil der Kostensteigerungen auffangen zu können. Leider können wir die Kostensteigerungen dadurch nicht komplett abfedern, weshalb sich Preisanpassungen nicht vermeiden lassen,“ so das Unternehmen weiter.


Langfristige Planung notwendig


Insbesondere im Bereich der technischen Geräte kommt die Konkurrenz vieler Branchen um die einzelnen Komponenten zu den Problemen bei Rohstoffen und Logistik hinzu. Um hier gegenzusteuern, mussten Hersteller langfristige Planungen vornehmen, um auf die durch veränderte Lebensbedingungen und -gewohnheiten gestiegene Nachfrage reagieren zu können. „Wir konnten bereits letztes Jahr eine erhöhte Nachfrage im Bereich Haushaltsgeräte beobachten und so haben wir Anfang des Jahres vorsorglich feste Bestellungen für ein stark erhöhtes Gesamtvolumen erteilt. Zusätzlich haben wir für stark betroffene Geräte, d.h Produkte mit Mikrocontrollern, wie manche Multikocher, einen speziellen Aktionsplan eingeführt, um alle Aufträge für elektronische Komponenten zu verfolgen und sicherzustellen, dass ihre Lieferungen pünktlich erfolgen“, sagt Astrid Duhamel, Head of Communication & Digital bei der Groupe SEB DACH.

 

Auch für das weltweit produzierende Unternehmen stellt sich die Problematik der anziehenden Preise: „Unsere Produkte werden zu gleichen Teilen in Europa, Asien, Lateinamerika und den Vereinigten Staaten produziert. In der Tat haben sich aber die Preise der Container in Asien oder USA stark erhöht, insbesondere in China hat sich der Preis für einen 20-Fuß-Container innerhalb eines Jahres sogar vervierfacht. Um dieser Situation gerecht zu werden, mussten wir zum 1. Oktober die Preise von gut jedem zweiten unserer Produkte anpassen und dies vor allem für Geräte, die wir in China produzieren, wie Toaster, Wasserkocher, schnurlose Staubsauger“, so Duhamel, „unser Ziel ist es, die Preiserhöhungen im Gleichgewicht zu halten und die Kostensteigerung so aufzufangen, dass wir unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten und unseren Kunden gleichzeitig nicht zu viel zumuten.“


Wunschzettel anpassen


Die Konsequenz aus der Entwicklung fasst wiederum Klaus Schmelzeisen zusammen: „Lieferanten und Handel müssen in dieser Situation Geld in die Hand nehmen und das eigene Lager hochfahren.“ Dies binde zwar Kapital, ist aus Sicht des Brandlands Geschäftsführers die einzige Möglichkeit, Umsatzausfällen entgegenzuwirken. „Und das könnte unter dem Strich teurer werden“, so Schmelzeisen.


Professor Dr. Gerrit Heinemann prognostiziert eine länger andauernde Periode schwer kalkulierbarer Lieferketten: „ Alle Branchen treibt die Frage um, wann der Welthandel wieder reibungslos funktionieren wird. Nach Ansicht der meisten Experten frühestens im Jahr 2023. Denn im Moment ist einfach zu viel aus dem Rhythmus geraten“, so Dr. Heinemann in seinem Gastbeitrag. Seiner Ansicht nach ergibt sich aus dieser Situation ein echtes Dilemma, das sich aus der Unwägbarkeit eines Aufbaus von Produktionskapazitäten in Europa inklusive des Mangels bei Fachkräften ebenso speist wie dem steigenden Eigenbedarf der Kapazitäten in China verbunden mit steigenden Preisen und dem damit verbundenen Wegfall eines preiswerten Sourcing. „Da tickt eine Zeitbombe. Ein Standbein unseres Wohlstands gerät ins Wanken“, resümiert der Experte.


Jetzt gilt es, zunächst Verfügbarkeiten im Jahresendgeschäft bereitzuhalten bzw. richtig zu nutzen. Dass die Fragen von Rohstoffen, Produktionsorten, weltweiter Logistik usw. nicht aus dem Blick geraten dürfen, versteht sich gleichermaßen.


P.S.: Das Deutsche Verkehrsforum weist auf Lieferprobleme bei der Umsetzung der 3G-Regel in der Logistik hin. Möglich seien unter anderem Staus in den Logistikzentren, heißt es in einem Bericht der Wirtschaftswoche. Der Verband spreche von einem möglichen "Lockdown der Lieferketten".

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