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  • Christine Dicker

Die Sehnsucht nach authentischen Dingen und realen Erfahrungen

Aktualisiert: 28. Mai 2021

- HINTERGRUND -

 

Natascha Glunz-Küpper bezeichnet sich selbst als Entdecker aus vergangenen Zeiten. Für die Trendforscherin, die das Trendbüro Glunz Design betreibt, sind Reisen ein ganz wichtiges Instrument, um Erfahrungen, um Eindrücke zu sammeln. Wir von tischgespraech.de wollten von Natascha Glunz-Küpper wissen, wie in Pandemiezeiten und den damit verbundenen Reisebeschränkungen diese Trendexpeditionen stattfinden und woher sie ihre Inspiration bekommt.

tischgespraech.de: Frau Glunz- Küpper, als Trendforscherin sind Sie viel unterwegs – wie haben Sie das während des Lockdowns gehandhabt? Wie haben Sie sich informiert und inspirieren lassen?


Natascha Glunz-Küpper: Eigentlich habe ich gearbeitet wie immer, nur das Reisen entfiel. Als Designerin für Trend Consulting + Trend Forecasting bin ich es gewohnt, viel alleine zu arbeiten, wenn es um die Konzeptarbeit geht.

Kreativität mobilisieren - Dinge einfach angehen - zu improvisieren - zu experimentieren ist eine tägliche Übung!


Die ersten 4 Wochen des 1. Lockdown in 2020 habe ich ganz in Ruhe (dies war schon gefühlte Lichtjahre her ....) meine Büro-Bibliothek für Mode, Kunst und Wohnen gesichtet, aufgeräumt und neu geordnet, genau so bin ich mit dem Farb- und Materialarchiv verfahren.


Besondere Schätze kamen im Stoffarchiv zum Vorschein. Ethnische Stoffe, die ich auf meinen Reisen rund um die Welt gesammelt habe oder Stoffmuster, die ich vor mehr als 30 Jahre für eine Fashionkollektion verarbeitet hatte. Diese Webtechniken sind so alt, dass der Stoff so nicht mehr hergestellt werden könnte. Dies war eine interessante Arbeit, meine „Design-Schätze“ zu heben! Wie eine ausgedehnte Reise um die Welt. Die „Neuordnung der Dinge“ wurde so wieder zur neuen Inspirationsquelle für mich!


Magazine, Bücher, Ausstellungskataloge, Look-Books zu Sichten gehört zu meiner täglichen Arbeit und die konnte trotz verzögerter Zustellungen der Paketdienste „fast wie normal“ weitergeführt werde. Die Buchhandlungen hatten zum Glück geöffnet. Im Laufe der Monate kamen tolle digitale Angebote der Museen und Design-Plattformen hinzu. Interessante Podcast-Gespräche zu Design + Kunst habe ich gehört und viele Tanz- und Konzertproduktionen gesehen.

Recherchen und Inspirationen, die ich sonst auf meinen Reisen exzessiv vor Ort betreibe, habe ich nun Dank dem World Wide Web im Büro tun können!

Die digitalen Highlights des letzten Jahres waren für mich, die „Future Week 2020“ des Zukunftsinstituts im Juni, eine Woche „Optimismus tanken!“ und die „Selvedge World Fair 2020“ im September, eine Woche Inspiration und „Craftwork around the world“ pur erleben!


tischgespraech.de: Was vermissen Sie aktuell am meisten?

Natascha Glunz-Küpper: Kolleginnen und Freunde treffen. Das Reisen natürlich! Stoffe + Design fühlen. Museumsbesuche, der digitale Besuch kann das Gefühl für die Kunst nicht ersetzten, (zum Glück sind Galeriebesuche möglich „By appointment only“).


tischgespraech.de: Viele sehnen sich nach der Normalität zurück, also nach der Zeit vor der Pandemie. Wie glauben Sie persönlich, dass die Zeit danach aussehen wird?

Natascha Glunz-Küpper: Ich wünsche mir einen achtsamen und bewussten Konsum, nachdem wir über einen langen Zeitraum nun den Verzicht von Dingen und Dienstleistungen geübt haben. Mehr lokal und in der Nachbarschaft einzukaufen. Mehr Wertschätzung für „Hand Made“ Erzeugnisse.

Dass neue urbanere Stadt-Quartiere gestaltet werden. Dass freistehende Gewerbeobjekte zu fairen Preisen an Handwerker, Designer und kleine Gewerbetreibende vermietet werden, um eine neue „Nachbarschaft“ entstehen zu lassen. Dies würde „Office“ + „Werkstatt“ + „Lernorte“ um die Ecke möglich machen und einen interessanten Mix ergeben. Mehr Investition in „Grün“, für öffentliche Freiräume, Terrassen und Balkone.


tischgespraech.de: Die Pandemie prägt uns, unsere Essgewohnheiten, unseren Kleidungsstil. Welche Veränderungen haben Sie wahrgenommen, von denen Sie glauben, dass sie bleiben werden?


Natascha Glunz-Küpper: Kleidungsstil: Zum einen wird ein minimalistischer Casual-Look bleiben, der gut zu pflegen und zu kombinieren ist und der dann ab und an mit neuen Einzelteilen ergänzt wird. Hier kommen nachhaltige Materialien zum Einsatz. Wichtig sind auch transparente und offen kommunizierte Produktionskosten, dass in einigen kleinen, innovativen Fashion-Kollektionen schon umgesetzt wird und von informierten Verbraucherinnen geschätzt wird!


Zum anderen gibt es eine große Sehnsucht nach dem Besonderen und damit wird eine Renaissance der Eleganz eingeleitet, sobald wir wieder Ausgehen und Feiern können. Im Vordergrund wird ein sehr aufwendig gestalteter und farbintensiver Fashion-Look stehen. Der große „Auftritt“ wird gefeiert. Der unauffällige Casual-Look bleibt dann Zuhause!

Essgewohnheiten: Das bewusst lokale Einkaufen und Selberkochen wird bleiben und sich noch verstärken. Wir haben gelernt, Lebensmittel mehr zu schätzen, damit einher geht auch eine neue Wertschätzung der Landwirtschaft.

Viele Lebensmittelproduzenten, die biologischen Anbau betreiben, sind auf Wochenmärkte vertreten und/oder bieten ein Lieferservice. Die Nachfrage ist groß!


Den eigenen „Genussgarten“ oder „Naschgarten“ mit Minigemüse anzulegen, ist für viele Menschen im Lockdown ein neues Hobby geworden. Wir leben bewusster mit der Natur und möchten auch mehr darüber lernen. Food-Trends: Home Farming, Zero-Wast-Küche, das “Neue Frühstück”, Gemüse fermentieren.


tischgespraech.de: In Ihrem vergangenen Newsletter stellen Sie DIY-Themen vor, wie eine Färbetechnik oder wie sich Kleidung reparieren und individualisieren lässt. Sehen Sie das Thema Selbermachen als einen wachsenden Trend?

Natascha Glunz-Küpper: Ja, ganz deutlich hat sich der DIY-Trend in den letzten Monaten entwickelt und ist massiv gewachsen. DYI-Workshops vor Ort bei Handwerkern, Künstler und dem Handel oder jetzt als gutgemachte digitale Versionen. Die passenden DIY-Kits sind eine super Ergänzung. Mehr davon in allen Bereichen und gut gestaltet, sind wünschenswert! Der Trend „Selbermachen“ ist der ästhetische Gegenpol zum Digitalen.


Lange hat sich das Design vom Handwerk distanziert. Im Zeitalter des Digitalen aber wächst die Sehnsucht nach authentischen Dingen und realen Erfahrungen.

Slow-Living + Slow-Food + Slow-Fashion + Slow Gardening. Ein interessantes Beispiel: „Horst“ Anfang 2019 in Hamburg Bahrenfeld eröffnet. Der etwas andere Baumarkt: Alles für deinen DIY-Bedarf.


Trend DIY-Workshops: Recycling + Upcycling von Kleidung + Möbeln;

Kleidung + Gegenstände reparieren; Ausprobieren alter Handwerkstechniken: wie Töpfern, Pflanzenfärben, Sticken, Stricken.... Ob professionell oder privat: Wir alle brauchen im digitalen Zeitalter sinnliche Erfahrungen als Inspiration für ein erfüllendes Schaffen. Unsere glunzdesign TrendWorkshops bieten analoge Prozesse für professionelle Projektarbeit sowie für ganz private Wohngestaltung. glunzdesign gibt Anleitung zum kreativen Arbeiten. Weg vom digitalen Overflow, hin zum haptischen Erlebnis und zur sinnlichen Erfahrung.


Für September 2021 habe ich im „WERKGUT“ in der Nähe von Hamburg idyllisch gelegen auf dem Land, einen TrendWorkshop geplant: „Achtsames Wohnen mit Wabi-Sabi“. Die japanische Denkweise und das kreative Arbeiten mit Moodboards wird hier von mir persönlich vermittelt. Eine 3-tägige Auszeit für Kreative, in einer stimmungsvollen Location.


tischgespraech.de: Früher sprachen wir einmal von einem Cocooning Trend, heute heißt er Homing. Wie sehen Sie diesen Trend und wie würden Sie ihn beschreiben?

Natascha Glunz-Küpper: Der „Homing-Trend“ als Nachfolge-Trend von Cocooning rückte das soziale Leben im eigenen Zuhause in den Mittelpunkt: Freunde einladen, gemeinsam kochen, Spiele spielen und Filme schauen. Dies ist im Moment ja nur bedingt mit der eigenen Familie möglich. Jetzt ist wieder mehr der Lebensstil des Cocooning angesagt.


Die eigene vier Wände nur für sich und die Familie sehr persönlich, nach den Bedürfnissen jedes einzelnen Familienmitglieds und nicht für Freunde zu gestalten steht zurzeit im Fokus. Das Ende der Küche als Statussymbol ist damit eingeleitet. Ein ganz persönlicher Rückzugsort zum Relaxen, Lernen und Arbeiten hat hohe Priorität bei der Gestaltung des Zuhauses. Eine Bibliothek anlegen, eine Werkbank einrichten, ein Instrument lernen, einen Balkon oder Garten gestalten, Möbel restaurieren usw.

tischgespraech.de: Frau Glunz-Küpper, noch eine letzte Frage: Was nehmen Sie aus dieser Zeit mit, wie hat die Pandemie Sie verändert?


Natascha Glunz-Küpper: Ich bin mit meiner Zeiteinteilung achtsamer und aufmerksamer geworden und sehe vieles nicht mehr als selbstverständliches Privileg meiner Arbeit, wie zum Beispiel das permanente Reisen um die Welt. Hier werde ich sicher einiges ändern, wenn es soweit ist.


Durch den Wegfall meiner vielen Reisen habe ich Zeit gefunden für eine andere Art von Kreativität, die nicht ausschließlich mit meiner Arbeit zu tun hat.

Als „Back to My Roots“ bezeichne ich meine neue inspirierende „Reise“.

Als Mode- und Textildesignerin habe ich begonnen, mich mit dem Entstehungsprozess eines Produktes nicht nur theoretisch zu beschäftigen, sondern mit meinen eigenen Händen wieder etwas zu erschaffen. Dies werde ich sicher weiterführen, auch wenn ich hoffentlich bald wieder in Europa auf Reisen gehen kann.

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